Agroforst und Keyline: Landwirtschaft mit Zukunft

 

Die Landwirtschaft steht zunehmend vor großen Herausforderungen. Längere Trockenperioden, Starkregenereignisse, Bodenerosion und der Rückgang der Artenvielfalt setzen landwirtschaftliche Betriebe unter Druck. Gleichzeitig steigt die Notwendigkeit, Wasser effizienter zu nutzen und Böden langfristig fruchtbar zu erhalten. Genau hier setzen Agroforstsysteme und das Keyline-Prinzip an.

Beide Ansätze verfolgen das Ziel, natürliche Kreisläufe zu stärken und landwirtschaftliche Flächen widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu machen. 

 

Wasser dort halten, wo es fällt 

Das Keyline-Prinzip wurde bereits in den 1940er Jahren vom australischen Ingenieur und Landwirt Percival Alfred Yeomans entwickelt.

Die Grundidee ist einfach: Regenwasser soll nicht möglichst rasch abfließen, sondern auf der Fläche gehalten, verteilt und im Boden gespeichert werden. Dadurch wird die Versickerung gefördert, der Oberflächenabfluss reduziert und wertvolles Wasser bleibt den Pflanzen länger verfügbar. 

Die positiven Auswirkungen reichen weit über den Wasserrückhalt hinaus. Durch die verbesserte Wasserverfügbarkeit können Humusaufbau, Bodenleben und Bodenfruchtbarkeit gefördert werden. Gleichzeitig sinkt die Gefahr von Erosion und Nährstoffverlusten. Gerade in Zeiten zunehmender Wetterextreme gewinnt diese Form des natürlichen Wassermanagements immer mehr an Bedeutung. 

Agroforst verbessert Wasserspeicherung und Bodenfruchtbarkeit

Agroforstsysteme kombinieren Bäume oder Gehölzstreifen mit landwirtschaftlicher Nutzung auf derselben Fläche. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Agroforstflächen deutlich höhere Wasserversickerungsraten aufweisen als konventionelle Ackerflächen. Niederschläge können dadurch besser aufgenommen und länger im Boden gespeichert werden. 

Zusätzlich leisten Bäume einen wichtigen Beitrag zum Humusaufbau. Humusreiche Böden wirken wie ein Schwamm und können große Mengen Wasser speichern. Bereits eine Erhöhung des Humusgehaltes um ein Prozent kann rund 150.000 bis 250.000 Liter Wasser zusätzlich pro Hektar speichern. Dadurch bleiben landwirtschaftliche Flächen auch in Trockenzeiten länger produktiv.

Mehr Artenvielfalt und bessere Bestäubung 

Agroforstsysteme schaffen wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Bäume, Sträucher und Blühflächen bieten Nahrung, Nistmöglichkeiten und Schutz für Insekten, Vögel und andere Nützlinge. 

Internationale Untersuchungen zeigen, dass Agroforstflächen deutlich mehr Bestäuber beherbergen als vergleichbare Flächen ohne Gehölze. Mehr Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen sorgen für eine bessere Bestäubungsleistung und können damit auch zu höheren und stabileren Erträgen beitragen. Gleichzeitig fördern Agroforstsysteme die biologische Vielfalt und stärken ganze Ökosysteme.

Schutz vor Wind, Wasser und Bodenverlust 

Neben dem Wasserrückhalt zählt der Erosionsschutz zu den größten Vorteilen von Agroforstsystemen. Baum- und Heckenstreifen bremsen Wind und Wasser, schützen den Boden vor Abschwemmungen und verhindern den Verlust wertvoller Nährstoffe. 

Besonders auf Hanglagen und erosionsgefährdeten Flächen können solche Systeme einen wesentlichen Beitrag zum Bodenschutz leisten. Gleichzeitig verbessern sie das Mikroklima, reduzieren Austrocknung und erhöhen die Widerstandsfähigkeit der Kulturen gegenüber Extremwetterereignissen.

Mehrnutzenhecken als einfacher Einstieg 

Eine besonders praktikable Form des Agroforsts sind sogenannte Mehrnutzenhecken. Sie bieten Wind- und Erosionsschutz, fördern die Artenvielfalt, schaffen Lebensräume für Bestäuber und Nützlinge und können gleichzeitig Früchte, Biomasse oder Energieholz liefern. 

Damit verbinden sie ökologische und wirtschaftliche Vorteile auf einer vergleichsweise kleinen Fläche und stellen einen idealen Einstieg in agroforstliche Bewirtschaftungssysteme dar. 

Gemeinsam für klimafitte Landwirtschaft in der KLAR! Ökoregion Kaindorf  

 

Die KLAR! Ökoregion Kaindorf beschäftigt sich bereits seit 2020 gemeinsam mit engagierten Landwirtinnen und Landwirten intensiv mit dem Thema Agroforst. Ziel war und ist es, durch die Integration von Bäumen und Gehölzstreifen in landwirtschaftliche Flächen die Bodenfruchtbarkeit zu steigern, Wasser besser in der Landschaft zu halten, die Biodiversität zu fördern und die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen. 

Aus diesen Aktivitäten heraus wurde 2021 der Verein Humus+ Modell Ökoregion Kaindorf gegründet. Der Verein hat sich seither als österreichweiter Themenführer in den Bereichen Humusaufbau, regenerative Landwirtschaft, Agroforst und Wasserretention etabliert. Mit steigender Bedeutung der Anpassung an Trockenperioden und Extremwetterereignisse wurde auch das Keyline-System als wichtiger Schwerpunkt in die Vereinsarbeit aufgenommen. 

Die KLAR! Ökoregion Kaindorf und Humus+ verfolgen dabei einen ganzheitlichen Ansatz. Während Agroforstsysteme durch Bäume und Gehölze für Beschattung, Erosionsschutz, verbesserte Bodenstruktur und mehr Artenvielfalt sorgen, unterstützt das Keyline-Prinzip die gezielte Verteilung und Speicherung von Niederschlagswasser auf landwirtschaftlichen Flächen. Die Kombination beider Methoden gilt als besonders wirksamer Ansatz, um Wasser länger in der Landschaft zu halten und die Widerstandsfähigkeit der Böden gegenüber Trockenheit und Starkregen zu erhöhen. 

Seit 2023 wird das Keyline-System daher verstärkt auf Praxisflächen gemeinsam mit Landwirten erprobt. Durch rund 10 ha Demonstrationsflächen bei fünf Landwirten in der Ökoregion Kaindorf mit unterschiedlichen Best-Practice-Beispielen auf Wiese und Ackerland sowie mit verschiedenen Gehölzen, entsteht durch die Umsetzung Wissenstransfer und ein Netzwerk von Vorzeigebetrieben, das zeigt, wie Landwirtschaft, Klima- und Naturschutz erfolgreich miteinander verbunden werden können.  

Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Weiterbildung. Gemeinsam mit dem LFI bietet der Verein Humus+ seit mehreren Jahren Agroforst-Lehrgänge Niederösterreich und heuer neu auch in der Steiermark an. Damit wird das in der Ökoregion Kaindorf aufgebaute Wissen an interessierte Landwirtinnen und Landwirte weitergegeben und die Umsetzung klimafitter Bewirtschaftungsformen auch über die Region hinaus gefördert. 

Mit den gesammelten Erfahrungen, den Demonstrationsbetrieben sowie der engen Zusammenarbeit der Akteure nimmt die Ökoregion Kaindorf österreichweit eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung zukunftsfähiger und klimaresilienter Landwirtschaftssysteme ein. 


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